S.P.O.N. – Oben und untenG20-Gipfel in Hamburg: Nicht alles, was brennt, ist Anarchie – Kolumne Stokowski

90 Prozent der Politik besteht aus Wortgefummel. Nach dem G20-Elend hoch im Kurs: das Rumgeschmeiße mit dem Anarchie-Begriff. Keine gute Idee.


Margarete Stokowski

Jahrgang 1986, ist in Polen geboren und in Berlin aufgewachsen. Sie hat Philosophie und Sozialwissenschaften studiert und arbeitet seit 2009 als freie Autorin für “taz”, “Missy Magazine”, “L-Mag”, “Zeit Online”, “Das Magazin” und andere. Von 2012 bis 2015 schrieb sie die feministische Kolumne “Luft und Liebe” in der “taz”. Ihr Sachbuch “Untenrum frei” erschien 2016 im Rowohlt Verlag.


Ich möchte nicht klugschnacken, aber können wir kurz über Anarchie reden? Anarchie ist ein anziehend wilder Begriff, so sieht es aus, aber eben auch ein politischer Begriff, mit dem man nicht rumschmeißen sollte, wann immer irgendwo Chaos ist.


Rumgeschmissen wird mit dem Anarchie-Begriff derzeit aus allen möglichen Richtungen: “Die Nacht, in der im Schanzenviertel die Anarchie ausbrach”, titelte “Welt Online” über das G20-Elend, die “NZZ” schreibt über “Das süsse Gift der Anarchie”, die “taz” nennt ihren Bericht “Der Abend der Anarchie”. “Focus Online” meint: “Die Schanze brennt! Aufnahmen zeigen Anarchie, Gewalt und Plündereien in Hamburg”. Und Donald Trump twitterte nach der Randale in Hamburg, die Polizei hätte einen guten Job gemacht: “Law enforcement military did a spectacular job in Hamburg. Everybody felt totally safe despite the anarchists.” “Bild Online” zeigt sich fast schon serviceorientiert: “Der große Anarcho-Check”.


Süße Unwissenheit, die Metaphern sprudeln lässt oder unmetaphorisch gemeinte Beschreibungen, aber leider: falsch. Sollte man so nicht stehen lassen.

Es ist kompliziert mit dem Begriff der Anarchie: Obwohl das Anarchie-Zeichen wohl das am häufigsten irgendwo hingesprühte oder -geritzte politische Symbol ist, ist der Begriff des Anarchismus den allermeisten Leuten notorisch unklar. Auf der einen Seite gibt es Leute, die Anarchie eine attraktive Vorstellung finden, eine utopische Idee, die irgendwas mit Punk oder Ton Steine Scherben zu tun hat, sich aber irgendwann verwächst, sobald man vernünftig geworden ist. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, für die Anarchie nur ein Synonym für Eskalation oder Apokalypse ist. Für sie ist Anarchie der Zustand, in den alles versinkt, sobald die öffentliche Ordnung auseinanderfällt: vorzivilisatorische Zustände, Willkür und Gewalt.


Beiden Seiten ist gemeinsam, dass sie Anarchie für Chaos halten. Entgegen dieser Vorstellung geht es allerdings im Anarchismus sehr wohl um Ordnung, die nicht auf Herrschaft, Ausbeutung, Konkurrenz und Egoismus basiert, sondern auf Gleichberechtigung, Vereinbarungen, Hilfe und Solidarität. Gewalt ist kein Teil dieser Theorie, ganz im Gegenteil.

“Anarchismus ist die Philosophie einer neuen Gesellschaftsordnung, die auf Freiheit basiert, welche nicht durch von Menschen gemachte Gesetze eingeschränkt ist”, schrieb Emma Goldman, “die Theorie, dass jede Form von Regierung auf Gewalt beruht und deshalb überflüssig the north face sale, falsch und schlecht ist.” Wären die Leute, die in Hamburg die Geschäfte geplündert haben, Anarchistinnen und Anarchisten gewesen, hätten sie die Läden nicht zerstört, sondern beispielsweise in Genossenschaften übernommen, die Preise und Löhne angepasst und als ausbeutungsfreie Unternehmen geführt. Bisschen was anderes.

Anarchie basiert auf Gleichberechtigung, nicht auf Chaos

Anarchie ist ein Zustand der Herrschaftslosigkeit. Nur wenn man glaubt, dass Herrschaft von oben nach unten die einzig mögliche Ordnung ist, ist Anarchie Unordnung. Ansonsten ist es eine ziemlich klare, auf Abmachungen beruhende Sache. Mir ist keine einzige anarchistische Theorie bekannt, in der brennende Autos vorkämen. Für den sozialen Zustand the north face jacke damen, in dem keine Ordnung mehr vorhanden ist, gibt es auch einen Begriff: Anomie. Kennt aber keine Sau.

Im Namen der Anarchie wurden zugegebenermaßen auch schon Leute umgebracht, aber im Namen der meisten guten Dinge ist auch schon Scheiße passiert. Muss man halt gucken, dass man sich distanziert und differenziert – wichtiges Doppel-D generell -, kriegt man ja wohl hin als erwachsener Mensch.


Es ist eine seltsame Ironie, dass Ereignisse wie die G20-Proteste so sehr als Bullshit-Fabriken in gesellschaftlichen Diskursen wirken: Hier liegt ja wohl kein Stein mehr auf dem anderen, komm, wir beschreiben das Ganze mit politischen Begriffen, die auch nicht passen. – Keine gute Idee. Man kann das für Wortgefummel halten, aber, na ja, 90 Prozent der Politik besteht aus Wortgefummel. Es macht schon einen Unterschied, wie man Dinge benennt.

Wenn in dieser ganzen G20-Sache etwas anarchistisch war, dann die Aufräumaktion der Leute, die sich hinterher auf den Straßen zum Aufräumen trafen: Gegenseitige Hilfe ist ein Prinzip des Anarchismus, blinde Zerstörungswut ist es nie gewesen.


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1. Eine schöne Vorstellung, niemand herrscht, Gesetze brauchen wir nicht weil wir uns ja alle respektieren… Kann man so naiv sein und wirklich versuchen auf solch eine Gesellschaft hinzuwirken ? Es widerspricht der menschlichen […] Eine schöne Vorstellung the north face regenjacke, niemand herrscht, Gesetze brauchen wir nicht weil wir uns ja alle respektieren… Kann man so naiv sein und wirklich versuchen auf solch eine Gesellschaft hinzuwirken ? Es widerspricht der menschlichen Natur. Hätten wir ALLES im Überfluss und niemand würde dem anderen was neiden, könnte es halbwegs funktionieren. Aber das wird nie soweit kommen. Bis zu einem gewissen Grad ist der mensch sozial und rücksichtsvoll, aber nur solange das Soziale ihm nützt. Ab da gilt dann das Gesetz des Stärkeren…
2. Hätte Hamburg eine funktionierenden Anarchie … … dann hätte es keine linkschaotischen Ausschreitungen gegeben. Denn die Hamburger Bürger hätten sich in einer funktionierenden Anarchie längst selbst organisiert und bereits die Vorbereitungen dieser Ausschreitungen […] … dann hätte es keine linkschaotischen Ausschreitungen gegeben. Denn die Hamburger Bürger hätten sich in einer funktionierenden Anarchie längst selbst organisiert und bereits die Vorbereitungen dieser Ausschreitungen verhindert. Wenn Hamburg eine funktionierende Anarchie hätte, wären auch solche chaotischen Örtlichkeiten wie die rote Flora längst geräumt und verschwunden. Und die G20-Gespräche hätten dann auch nicht in Hamburg stattgefunden. In einer Anarchie lebt es sich sehr friedlich und sehr ruhig. Kein Zweck heiligt Zwang! Und Leute, die anderen etwas aufzwingen wollen – z.B. nationalsozialistisches (rechtes) oder auch internationalsozialistisches (linkes) Gedankengut – gegen solche Leute würde man sich in einer funktionierenden Anarchie wirksam zur Wehr setzen. Denn die nationalen und die internationalen Sozialisten haben eine Gemeinsamkeit: Sie wollen einen maximalen Etatismus, der die Freiheit aller maximal behindert und sie bekriegen Andersdenkende mit Gewalt.
3. Ja, aber… Schon recht, Anarchie bedeutet zunächst einmal nix anderes als Herrschaftslosigkeit. Und nicht per se Chaos und Gewalt.Der kleine Haken: wenn komplexe Gesellschaften in einen Zustand der Anarchie abgleiten, bedeutet das eben […] Schon recht, Anarchie bedeutet zunächst einmal nix anderes als Herrschaftslosigkeit. Und nicht per se Chaos und Gewalt.Der kleine Haken: wenn komplexe Gesellschaften in einen Zustand der Anarchie abgleiten, bedeutet das eben doch Chaos und Gewalt.Anarchie funktioniert eigentlich nur in kleinen Gruppen, am Besten für Jäger und Sammler. Die brauchen keinen komplexen Staat, wozu?Für die anderen Teilnehmer der Rallye, die sich in Gesellschaften aufhalten, in denen sie sich mit renitenten Internetlieferanten, renitenten Internetkäufern, renitenten Mietern, übergriffigen Vermietern etc.pp aufhalten gilt das eher nicht. Speziell auch dann nicht, wenn jemand dabei ist Autos abzufackeln. Egal ob die sich als Anarchisten verstehen oder nicht.
4. Doch Kluggeschnackt! Ihre Definition der gängigen Theorie(n) betreffs Anarchie dürfte weithin bekannt sein. Nur die gängige Praxis sieht eben schon immer so aus, wie gerade erst in Teilen Hamburgs. Allerdings wundert es mich nicht, dass Sie […] Ihre Definition der gängigen Theorie(n) betreffs Anarchie dürfte weithin bekannt sein. Nur die gängige Praxis sieht eben schon immer so aus, wie gerade erst in Teilen Hamburgs. Allerdings wundert es mich nicht, dass Sie Herrschaftslosigkeit bei gütlicher Vereinbarung gegenseitiger und allgemeiner Wohlgesonnenheit für möglich halten. Ist Ihnen das Stanford-Prison-Experiment kein Begriff?
5. Der Begriff Anarchie ist wahrscheinlich dehnbar wie ein Kaugummi. Tolstoi war auch Anarchist. In Krieg und Frieden legt er seine Meinung dar, dass die Gesellschaft sich von alleine hierarchisch anordnet. Es muss ein […] Der Begriff Anarchie ist wahrscheinlich dehnbar wie ein Kaugummi. Tolstoi war auch Anarchist. In Krieg und Frieden legt er seine Meinung dar, dass die Gesellschaft sich von alleine hierarchisch anordnet. Es muss ein Oben geben, das die Verantwortung hat ohne zu handeln, und ein Unten, das handelt ohne die Verantwortung zu haben. Handeln und gleichzeitig die Verantwortung haben, hält der gewöhnliche Mensch nicht aus. Der Anarchist im Tolstoischen Sinne wäre dann einer, der für sein Tun auch die Verantwortung übernimmt. Damit sind die Hamburger Chaoten selbstverständlich keine Anarchisten.

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